Bildung in Bewegung

Text: Irene Schulz



In Bewegung waren und sind wir in den letzten Monaten, insbesondere im Rahmen unserer Tarifrunden. Wir haben erfolgreich eine gerechtere Verteilung von Arbeitsvolumen sowie betriebliche Zukunftstarifverträge und damit weitere Flanken zur Beschäftigungssicherung durchgesetzt. Unsere IG Metall Jugend hat ordentlich Dampf gemacht und tarifliche Regelungen für die dual Studierenden erkämpft. Und in den ersten wichtigen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie ist uns der längst überfällige Durchbruch im Osten zur Angleichung der Arbeitszeit gelungen.
 
Die Mobilisierung der Beschäftigten war und ist eine Herkulesaufgabe unter Corona-Bedingungen. Die Arbeitskampfbilanz des WSI bestätigt, dass “die Konfliktintensität in den Tarifauseinandersetzungen 2021 wieder zunehmen wird, bei denen die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften auch unter Pandemiebedingungen ihr soziales Grundrecht auf Streik einfordern werden“. Für die IG Metall gilt genau das.

Mit „Abstand – Maske – Arbeitskampf!“ haben wir Solidarität organisiert und gezeigt: Kreative und wirksame Warnstreiks, neue digitale Mobilisierungs- und Beteiligungsformate, einen bundesweiten Aktionstag mit digitalem Tarifauftakt bis hin zu ganztägigen Warnstreiks sind möglich und wirksam. Von Beginn an haben wir die Tarifrunden mit Qualifizierungsangeboten unterstützt. Mehr als 1000 Tarif-Aktive haben sich in kurzer Zeit fit gemacht und ausgetauscht. Auch wenn Präsenz nicht immer möglich war, die digitalen Bildungsformate waren vielfältig. Sowohl regional als auch zentral sind zahlreiche kreative Bildungsangebote entwickelt und vor allem auch angenommen worden. Zudem konnten wir mit Angeboten vom Ablauf einer Tarifrunde über die Bestandteile der Forderungen bis hin zur Argumentation der Arbeitgeber zahlreiche Kolleg*innen auch kurzfristig erreichen. Und bei der Umsetzung der Ergebnisse sind Geschäftsstellen, Bezirke und die Bildungsarbeit gut abgestimmt unterwegs und begleiten die anspruchsvollen Umsetzungsprozesse in den Bezirken.
 
Neue Herausforderungen – kreative Lösungen

Die vergangenen Monate waren für niemanden einfach. Aber nicht nur die Tarifrunde hat gezeigt, dass wir auch unter Pandemiebedingungen Herausforderungen stemmen können, mit denen wir konfrontiert sind. Auch wenn persönliche Treffen, Ansprache, Gespräche, Präsenzbildung und kollektive Aktionen nur eingeschränkt möglich waren und sind, haben wir viel bewegt! In der Bildung haben wir sehr schnell unsere Bildungsangebote digitalisiert. Wir konnten den mit Corona von jetzt auf gleich entstandenen zusätzlichen Qualifizierungsbedarf von Betriebsrät*innen im Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie allen rechtlichen Fragen rund um Corona, Kurzarbeit und Homeoffice decken. Ihr als Referent*innen wart und seid im Dauereinsatz, sei es in der Qualifizierung der Neuen in Vertrauenskörpern und Jugendvertretungen, als auch in der eigenen Qualifizierung für die Herausforderungen der digitalen Bildung.

Wir haben über Webtalks gesellschaftliche Debattenräume eröffnet, mit denen wir tausenden Menschen unsere Anliegen vermitteln konnten bzw. den Austausch über grundlegende Fragen ermöglicht haben. Wir arbeiten derzeit an einem digitalen Bildungszentrum, das unsere Position als Nummer 1 der politischen Bildung in Deutschland ausbauen wird. Wir probieren neue Formate in Richtung Organizing aus und wir vernetzen uns noch stärker mit unseren Schwestergewerkschaften im DGB. Mit der digitalen Bildungsarbeit sind wir einen Riesenschritt nach vorn gekommen und stehen doch erst am Anfang. Die zentrale Frage, wie wir digitale Formate und Präsenzseminare zu einem integrierten Bildungskonzept entwickeln, die gilt es jetzt gemeinsam zu diskutieren.

Vertrauen in unsere Bildungsarbeit

Bildung unter Coronabedingungen heißt aber bis heute auch: mehr als 8 Monate kein Präsenzbetrieb oder stark eingeschränkte Präsenzseminare. Tausende von Teilnehmer*innen konnten an den gebuchten Seminaren nicht teilnehmen, sind mit kurzfristigen Absagen oder digitalen Ersatzangeboten konfrontiert worden. Dort, wo wir in Präsenz qualifizieren konnten, waren unsere Gesundheits- und Hygienestandards hoch, sodass die Gesundheit für unsere Beschäftigten und Teilnehmenden immer im Vordergrund stand. Ihre Reaktionen waren und sind großartig! Es gibt ein enormes Verständnis für kurzfristige Absagen und eine große Bereitschaft, wieder in die Seminare zu kommen, sobald es möglich ist. Dieses große Vertrauen in unsere Bildungsarbeit und in unsere hohen Gesundheits- und Hygienestandards ist sicher eines der ganz besonderen Komplimente unserer Kolleg*innen aus den Betrieben an die Bildungsteams der IG Metall.

Nun sind wir in der Bildungsplanung für das nächste Jahr in einem nach wie vor unsicheren Planungshorizont. Das gilt für die regionale Bildungsarbeit genauso wie für die zentrale. Die zentralen Seminare sind durch die Mobilitätsbeschränkungen ganz besonders betroffen. Wir haben also viel nach- und aufzuholen. Wir wollen nach den Wahlen im letzten Jahr insbesondere unsere neu gewählten Vertrauensleute und JAVis möglichst schnell und gut qualifizieren. Auch 2022 stehen wir vor einer gemeinsamen Kraftanstrengung, Bildung für möglichst viele Kolleg*innen aus möglichst vielen Betrieben und Branchen zu gewährleisten. Ich bin sicher, wir werden das auch 2022 gemeinsam stemmen.
 
Sozial, ökologisch, demokratisch
 
Politisch nimmt das Superwahljahr 2021 weiter an Fahrt auf. Mögliche Regierungskonstellationen sind so offen wie schon lange nicht mehr. Das verspricht einen lebhaften Wahlkampf und intensive Debatten um die erforderlichen Weichenstellungen der nächsten Jahre. Gerade vor dem Hintergrund der tiefen ökonomischen Rezession muss die steile Lernkurve in der Pandemie jetzt Folgen haben. Mehr als ein Jahr Pandemie hat schonungslos politische Fehlentwicklungen, überholte neoliberale Glaubenssätze und die Notwendigkeit eines handlungsfähigen Staates offenbart. Unser Leitbild ist das der sozial-ökologisch-demokratischen Transformation. Mit unserer Kampagne #Fairwandel werden wir unsere Forderungen einbringen und breit diskutieren. Unsere gesellschaftspolitischen Bildungsangebote begleiten die Kampagne und die inhaltlichen Schwerpunkte unserer zentralen Forderungen.

So wie es aussieht, können wir bald wieder mehr Präsenzseminare veranstalten. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis wir den Qualifizierungsbedarf, der sich seit Beginn der Pandemie angestaut und vergrößert hat, aufgearbeitet haben. Bis dahin bleibt es außergewöhnlich, beispiellos und ja: nicht immer einfach. Aber nach Jahr Eins der Pandemie wissen wir auch: solidarisch geht es in die Offensive!

Das Bildungsmagazin

Irene Schulz verantwortet als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall den Bereich Gewerkschaftliche Bildungsarbeit, Kampagnen und Erschließung.