Die
4-
Tage-
Woche

Das Bildungsmagazin






Text:  Dr. Johanna Wenckebach

Die 4-Tage-Woche ist nicht neu. Sie ist vielleicht die realistische Utopie überhaupt. Falls es so etwas gibt. Auf dem Weg zur gesellschaftlichen Norm war sie schon dies und das. Sie ist aktuell geframed als Krisen-Instrument, das Beschäftigung sichert. Das ist eher defensiv. Wollte man etwas Kritisches sagen, so ist das weitreichende und aus der Perspektive von Eigentumsrechten, gesetzlichen Normen und gewerkschaftlichen Konsens verhältnismäßig leicht umsetzbare Konzept in den letzten 20 Jahren vom Zweck zum Mittel verkommen. Dabei ist sie vielleicht der naheliegende Wegbereiter von einer arbeitnehmer*innen-orientierten zu einer arbeitnehmer*innen-zentrierten Wirtschaft.

Sollten wir die „4-Tage-Woche“-Forderung von der Beschäftigungssicherung entkoppeln und positiver formulieren? Sollte Sie aus der Ecke der Gewerkschaftsforderungen herausrücken und zentrales Anliegen einer radikal humanen Gesellschaft werden? Oder verschwindet diese Idee wieder in der Versenkung? Scheitert sie (wieder) – und wenn ja woran? Diese Fragen trieben uns ans Telefon. Wir mussten jemanden sprechen, der oder die sich wirklich auskennt in Fragen der 4-Tage-Woche und ihren Auswirkungen auf das Zusammenleben. Und so waren wir verabredet mit Dr. Johanna Wenckebach, Direktorin des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeits- und Sozialrecht. Johanna hat vor über einem Jahr einen mutigen Gastbeitrag im Wirtschaftsmagazin Capital zur 4-Tage-Woche geschrieben. Dazwischen liegen Corona, eine Weltwirtschaftskrise, ein veritabler Konjunktureinbruch und abgeschlossene Tarifrunden. Vielleicht ein guter Zeitpunkt für ein Update.


REDAKTION: Liebe Johanna, danke, dass wir uns in deinen ohnehin vollen Terminkalender schmuggeln durften! Wie siehst du als Wissenschaftlerin unsere Arbeitswelt 2021?

Sie ist sehr anspruchsvoll und verändert sich rasant. Schaut man etwa auf den gerade veröffentlichten Digital Index wird wieder deutlich: Die Arbeitswelt wird immer digitaler und bringt immer schneller massive Änderungen mit sich. Die Pandemie hat das eher beschleunigt als ausgebremst. Die Menschen brauchen haufenweise neue Kompetenzen, um gut leben und arbeiten zu können. Leider bestätigt sich auch, was Gewerkschaften seit langem thematisieren: Die Digitalisierung sorgt in vielen Bereichen für zusätzlichen Stress. Hier müssen wir nicht nur auf Arbeitsplatzsicherung, sondern auch auf den Gesundheitsschutz sehr gut achten. Und dabei gilt: Das betrifft nicht irgendwelche Beschäftigen in einer fernen Zukunft, sondern alle, die jetzt in Arbeit stehen! Wir müssen Beschäftigten ermöglichen, die großen Umbrüche bewältigen zu können, bevor es zu Arbeitslosigkeit kommt. Auch für die Demokratie ist es essenziell, diese Umbrüche mitbestimmt und transparent zu gestalten.


REDAKTION: ...um die Beschäftigung zu sichern!

Jein. Natürlich ist Sicherheit ein essenzielles Bedürfnis und damit auch Ziel. Aber wir sollten auch positive Visionen der Arbeitswelt von morgen diskutieren, finde ich. Wieso z. B. in Bezug auf Automatisierungsprozesse immer nur Dystopien zeigen? Also zugespitzt die Frage stellen, ob Roboter unsere Arbeitsplätze übernehmen werden. Wer sich in der IG Metall engagiert, hat den Anspruch, die Veränderungen selbst zu gestalten; die Arbeitswelt von morgen nicht einem höheren Schicksal zu überlassen.

Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben stellen sich die Frage: Wie gehen wir mit den Transformationsprozessen um? Wie gestalten wir unsere jetzige Arbeit, sodass Arbeitgeber*innen nicht wie der Zauberlehrling enden, der die Geister, die er rief, nun nicht mehr loswird? Ganz wichtig finde ich dabei die Frage: Warum sollte die durch Maschinen gewonnene Zeit nicht den Menschen zugutekommen? Diese Perspektive erscheint zunächst mit einer kapitalistischen Welt, bei der hinter jedem Band eine Stoppuhr steht, nicht vereinbar. Dass die IG Metall den Anspruch erhebt, ein anderes Bild zu zeichnen, finde ich essenziell. Ich finde es deshalb wichtig, die vermeintliche Utopie der 4-Tage-Woche für die Arbeitnehmerschaft positiv kommunizieren.
REDAKTION: Also wäre die 4-Tage-Woche ein guter Ausweg...

Nicht per se. Sie ist kein Zaubermittel und natürlich ist die Ausgestaltung entscheidend. Eine wichtige Frage aus Beschäftigten-Sicht ist zum Beispiel: Muss dann in 4 Tagen das getan werden, was eigentlich in 5 Tagen getan würde? Das würde die Verdichtung noch schlimmer machen. Um solche Entwicklungen zu verhindern, muss die 4-Tage-Woche gekoppelt sein an ein arbeitnehmerorientiertes Personalmanagement. Da sind die Mitbestimmung und die Betriebsratsarbeit essenziell. Wir brauchen mehr Mitbestimmungsrechte, um die tarifpolitische Arbeitszeitgestaltung in den Betrieben gut umsetzen zu können. Das passiert gerade nicht ausreichend, weil wichtige Mitbestimmungsrechte z.B. bei der Personalplanung fehlen. Hier hat die IG Metall mit der Initiative Mitbestimmung sehr gute Vorschläge gemacht. Das Betriebsrätemodernisierungsgesetz ist nämlich noch nicht der große Wurf. Und natürlich ist bei einer Arbeitszeitverkürzung auch die Frage des Entgelts ganz entscheidend. Dafür war die gerade abgeschlossene Tarifrunde ganz wichtig – und ohne gewerkschaftliche Gegenmacht wird auch in Zukunft nichts gehen.

REDAKTION: Heißt das, dass jetzt jeder und jede nur vier Tage arbeiten wird?

Es geht doch erst mal darum, mehr Optionen zu schaffen. Wichtig ist, dass die Beschäftigten mehr Autonomie und echte Gestaltungsmöglichkeiten bekommen, die gerade in der Transformation genutzt werden können, um zukunftssichere Arbeit zu gestalten. Das muss tariflich geregelt und erst mal natürlich auch durchgesetzt werden. Arbeitszeit ist eine Machtfrage! Wichtig wäre, wenn es gelingt, die lange Vollzeit als Norm aufzubrechen. Solange alle, die weniger arbeiten können oder wollen, Nachteile haben und auf Diskriminierungsschutz angewiesen sind, grenzen wir sehr viele Menschen vom Arbeitsmarkt aus. Das hat Folgen für die ganze Gesellschaft und wir verlieren Potenziale.

REDAKTION: ...aber was ist mit dem Hidden Champion aus Baden-Württemberg, der 90 Mitarbeiter*innen beschäftigt, möglicherweise um seine Wettbewerbsposition bangt und steigende Personalkosten fürchtet?

Wir brauchen sicherlich auch kreative Ideen, um den Mittelstand bei diesem Wandel zu unterstützen, denn der hat in der Regel ganz andere Personalressourcen als ein DAX 30 Unternehmen mit tausenden Beschäftigten und einer riesigen Personalabteilung und vielen freigestellten Betriebsrät*innen. Trotzdem: Die 4-Tage-Woche ist keine philosophische Frage oder gar eine Utopie. Es gibt ja bereits Beispiele aus der Praxis. Übrigens war auch eine 35-Stunden-Woche mal eine Utopie und als der Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit Gesetz wurde, wurde auch der Untergang der Wirtschaft prognostiziert. Auch mittelständische Unternehmen möchten gesunde, motivierte und gebildete Beschäftigte, die bis zum Alter von ja inzwischen fast 70 Jahren arbeiten können. Und wer Fachkräfte von morgen will, sollte auch ein Interesse daran haben, dass Beschäftigte Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Das ist mit der 4-Tage-Woche viel eher herzustellen, als mit Business as usual, das insbesondere Frauen benachteiligt, weil sie in unserer Gesellschaft immer noch ganz überwiegend Sorgearbeit übernehmen. Diese Doppelbelastung ist enorm und ungerecht.
 
REDAKTION: Ist sie das, die schöne neue Arbeitswelt?

New Work ist erst einmal nur eine Überschrift. Die Frage ist natürlich: Was steht darunter? Sie wird meiner Ansicht nach gerne genutzt, um Entwicklungen Glanz und Glitzer zu verleihen, die keine Verbesserung aus Arbeitnehmersicht bedeuten. Die Arbeitgeber*innen-Seite und einige Parteien benutzen diese Überschrift zum Beispiel gerne, um Entgrenzung zu rechtfertigen. Ein klassisches Negativ-Beispiel ist die Forderung nach Abschaffung der “Ruhezeiten” im Arbeitszeitgesetz mit dem Argument, lange Ruhepausen seien nicht mehr zeitgemäß. Oder agile Arbeit. Flache Hierarchien sind natürlich klasse! Aber das geht natürlich auch nicht ohne mitbestimmte, klare Rahmenbedingungen.

REDAKTION: Wird dann nichts aus der schönen neuen Arbeitswelt?

Doch, doch. Die Herausforderung ist, eigene Vorstellungen davon zu entwickeln und - schwieriger - auch durchzusetzen. Das geht mit Tarifpolitik, wenn genug Menschen mitmachen und dann auch einstehen, wenn es darauf ankommt. Wie gesagt: Es ist eine Machtfrage, die ohne eine starke gewerkschaftliche Organisation nicht umgesetzt werden kann. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass es wenig weiterführt, auf den Gesetzgeber zu vertrauen. Innovationen kommen aus den Betrieben und aus der Tarifpolitik. Es hilft deshalb nur, sich zusammenzuschließen. Die IG Metall ist eine mächtige Organisation, sie kann Debatten anstoßen und die Deutungshoheit über das Thema erlangen. Da hilft auch die Wissenschaft, sie liefert oder belegt gute Argumente. Gewerkschaften geben den Raum, Ideen zu diskutieren. Auch für komplizierte Lohn-Ersatzleistungen und die Frage, wer in der Pflicht ist, diese zu finanzieren. Meistens wirken solche kraftvollen Debatten auch über den Geltungsbereich der Tarifverträge hinaus.

REDAKTION: Aber haben sich das die Gewerkschaften nicht schon dutzende Male vorgenommen?

Ja. Es braucht nun mal Zeit. Und manchmal auch mehrere Anläufe. Das zeigt das Beispiel der 35-Stunden-Woche... Ideen fangen an zu leben, wenn mehr Menschen sich darüber Gedanken machen, wie es sein könnte und sie sich dann dafür einsetzen, andere gewinnen. Und Frauen werden möglicherweise ein Treiber der Entwicklung. Ihnen ist das Thema Arbeitszeit sehr wichtig, weil es für sie um Gerechtigkeit geht - beruflich und bei der Sorgearbeit. Gewerkschaften sind damit befasst, die vielen guten Ideen und Wünsche einzusammeln und Interessen abzuwägen, zusammenzubringen. Diese Form der Willensbildung braucht Zeit. Die IG Metall ist da seit Jahren dran, die Arbeitszeitkampagne hat bereits 2016 begonnen. Die 4-Tage-Woche ist eine weitreichende, eine starke Idee. Im Osten ist die Tarifrunde noch nicht vorbei. Worum wird dort gekämpft: um Arbeitszeit!

 
REDAKTION: Was passiert denn, wenn Beschäftigte 28 Stunden arbeiten?

Es kommt erst eine Welle der Erleichterung, für Familien, für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder mit physisch sehr belastender Arbeit, für Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht auch erschöpft sind nach Jahrzehnten im Schichtdienst. Die Sorge für Kinder und pflegebedürftige Angehörige wird gerechter verteilt. Viele Frauen würden dann übrigens sogar ein bisschen mehr arbeiten: Viele von ihnen sind – wegen der ungleich verteilten Sorgearbeit – zurzeit unterbeschäftigt, arbeiten also weniger als sie wollen (und für ihre Rente bräuchten). Zudem profitieren das gesellschaftliche Leben, Ehrenämter und damit der Zusammenhalt. Und Beschäftigte können die gewonnene Zeit nutzen, um sich auf die Arbeit der Zukunft vorzubereiten, neue Skills zu erlernen, die sie zukünftig brauchen. Dass das alles funktioniert, ist im Interesse der Gesellschaft insgesamt.

REDAKTION: Bist Du nun positiv gestimmt oder sorgenvoll?

Wenn wir auf die gerade abgeschlossene Tarifrunde schauen: Die Arbeitgeberseite hat die Forderungen der IG Metall als überzogen, realitätsfremd, abgehoben dargestellt. So wird versucht, gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen; jenseits der konkreten Tarifverhandlungen. Aber für die 4-Tage-Woche sprechen starke Argumente: Beschäftigungssicherung, Bewältigung der Transformation, Geschlechtergerechtigkeit, Verteilung der Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zukunftsfähigkeit der Unternehmen. Diese Idee ist nicht realitätsfremd, sondern eine wünschenswerte Realität – jedenfalls aus Sicht der abhängig Beschäftigten. Die Frage ist: Wer hat die Macht, seine Vorstellungen durchzusetzen? Eine Idee, deren Zeit gekommen ist, kann sehr machtvoll sein. Ich wünsche mir, dass sie Menschen ermächtigt, für sie zu streiten

Johanna Wenckebach

ist Wissenschaftliche Direktorin des

Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeits- und Sozialrecht in der Hans Böckler Stiftung.