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 INSIDE#5 

Aus der Region

GANZ

NORMALE

LEUTE

(DIE SICH AUCH

UM SOZIALE

DINGE KÜMMERN)

von Michael Jänecke

 

SOLIDARITÄT IST DER OBERBEGRIFF FÜR UNSERE GEMEINSAME VORSTELLUNG VOM ZUSAMMENLEBEN

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Wir können sie auf höchster Ebene aus der Vogelperspektive betrachten, wissenschaftlich hinterfragen oder ganz praktisch im Alltag beobachten. In welchen Gesten ist sie erkennbar, und in welchen Konzepten findet sie auf regionaler Ebene einen Ausdruck? Unser Kollege Michael Jänecke hat die KollegInnen eines nichtbetrieblichen Wohnprojekts in Emden gefragt – (s)ein Bericht.

Weil die Basis der IG Metall in den Betrieben liegt, denken wir unsere Arbeit vom Betrieb aus. Zugleich nehmen unsere KollegInnen ihr Selbstverständnis, sich für die Interessen anderer einzusetzen, auch nach der Arbeit mit nach Hause. Das liegt bei den einen in Ballungsräumen, bei anderen in der Fläche. Die heißt im Einzugsbereich der Geschäftsstelle (GS) Emden Ostfriesland. Hier haben Metaller*innen eine besondere Form der nichtbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit entwickelt: die Wohnbereichsarbeit. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Diese Arbeit ist nicht zu verwechseln mit der außerbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit (AGA). Deren Arbeit von, für und mit SeniorInnen ist wichtig und unverzichtbar, aber eben etwas anderes.

Wir alle wissen, dass es an der Nordsee Ebbe und Flut gibt. Ebenso gilt als sicher, dass der Norddeutsche an sich schweigsam ist. Zumindest in und um Emden gibt es Ausnahmen. Wenige Fragen nach der Wohnbereichsarbeit genügen, um einige OstfriesInnen zum Plaudern zu bringen. Und siehe da, Geselligkeit ist auch an der Nordseeküste kein Fremdwort. Da gibt es Bauernmärkte, Stadt-, Feuerwehr- oder Hafenfeste und vieles andere mehr. Ein echter Hingucker und Magnet auf diesen Veranstaltungen ist die eigens angeschaffte Hüpfburg der GS. Sie lockt Mitglieder und andere Menschen zum Infomobil.

Dort erleben die Neugierigen dann praktische Solidarität. Denn unsere beliebten Werbeträger gibt es nicht für lau, sondern gegen eine Spende.

Die Einnahmen vom Glücksrad, für frisches Popcorn, das Spiel mit Erbsenklopfmaschine oder der Klüterbahn tragen zur Unterstützung von Projekten vor Ort bei. Das sind zum Beispiel ein Teehausverein, der Erhalt einer historischen Mühle oder ein Verein für krebskranke Kinder.

Genauso wichtig ist es, mit den Menschen selbst ins Gespräch zu kommen. Die IG Metall wird auch als gesellschaftsgestaltende Kraft sichtbar. Themen wie Befristung von Arbeitsverträgen, die Rente oder die Strukturpolitik in Ostfriesland treiben nicht nur unsere Mitglieder um. Es wird am Stand nicht nur politisiert, bisweilen kann auch ganz konkrete Lebenshilfe geleistet werden. Wenn etwa Ratsuchende an AnsprechpartnerInnen in der eigenen GS oder in anderen DGB-Gewerkschaften vor Ort vermittelt werden. Manchmal sind es dann auch die vermeintlich kleinen Dinge, die die Wohnbereichsarbeit erfüllend machen. Am Rande eines Hafenfestes konnte Brigitte Lüpkes aus Krummhörn / Hinte einem Kollegen helfen, dessen Frau verstorben war, der aber nicht wusste, dass er einen Anspruch auf Sterbegeld hatte. Und nicht zuletzt lassen sich auch manche Wogen glätten, wenn es um die kleinen Unzufriedenheiten der organisierten Kolleg*innen geht, die es natürlich auch an der Küste gibt.

Die Anfänge der Wohnbereichsarbeit reichen mindestens in die späten 90er Jahre zurück. Kurzarbeit und kalte Aussperrung erschwerte die Kommunikation in den Betrieben. Die Bedeutung von Treffpunkten jenseits der Betriebe nahm zu. Heute engagiert sich eine bunte Gruppe von etwa hundert ehrenamtlich aktiven Vertrauensleuten, BR und Aktiven in den Wohnbereichen. Die Jüngsten sind noch keine 20, andere bleiben auch im Rentenalter dabei. Für Stephan Behnke aus Nörderland etwa gab sein solidarisches Selbstverständnis den Ausschlag, sich über seine VKL-Arbeit hinaus auch an der WB-Arbeit zu beteiligen. Er will als Metaller auch jenseits von Betrieb und Tarif vermitteln: „Wir sind ganz normale Leute, die sich auch um soziale Dinge kümmern.“

Wir sind ganz normale Leute, die

sich um soziale Dinge kümmern

Das gelingt ihm und seinen MitstreiterInnen. Sie werden in der Wohnbereichsarbeit als Leute wahrgenommen, die am Schicksal ihrer Mitmenschen Anteil nehmen, und tragen damit zur unerlässlichen gesellschaftlichen Verankerung der IG Metall bei. Viele unserer Mitglieder stärkt es, wenn ihre Organisation auch im Leben jenseits der Betriebe sichtbar wird und sie die IG Metall als Träger unseres wohl wichtigsten Wertes erleben: dem der Solidarität.

 

Ein Ideal von Michael Hehemann, dem Geschäftsführer der GS Emden, ist es, wenn jedes Mitglied jeden Tag einen Grund sieht, Mitglied zu bleiben. So ist die Wohnbereichsarbeit für ihn eine zentrale Säule der Gewerkschaftsarbeit. Diese Haltung trägt die Wohnbereichsarbeit. Dazu Brigitte: “Wir Ehrenamtlichen könnten nicht so gut arbeiten, wenn wir nicht so eine tolle Geschäftsstelle hätten.“ Die Fluktuation der Aktiven ist gering; gelebte Solidarität in einer verlässlichen Zusammenarbeit macht viel Spaß. Und wenn es nur ein kurzer Austausch mit KollegInnen ist, die man im großen Werk allenfalls zufällig trifft.

Zu guter Letzt kommt auch dieser Artikel am C-Wort nicht vorbei. Denn die Coronakrise hat auch die Wohnbereichsarbeit vorläufig zum Erliegen gebracht. Doch nach der Normalität ist vor der Normalität. Wir alle wissen nicht, wie sie aussehen wird.

 

Eines ist nach meinen Gesprächen aber sicher:  Die Wohnbereichsarbeit ist aus der ostfriesischen Normalität längst nicht mehr wegzudenken.

Über den Autor:

Michael Jänecke ist freiberuflicher Politologe und arbeitet als Außenreferent für die gesellschaftspolitische Bildung der IG Metall.
Seine Schwerpunkte liegen in den Themen Europa, Geschichte, Respekt! und Social Media.