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 INSIDE#5 

Werkzeuge zur Reflektion

Ein 

unsolidarisches Angebot?

Das Spiel um Gerechtigkeit

Solidarität und Gerechtigkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Die individuelle Perspektive der Gerechtigkeit fokussiert die Chancengleichheit eines jeden Einzelnen. Die Solidarität betrachtet das gesellschaftliche Zusammensein über die Summe der Individuen. Der Kampf um Gerechtigkeit ist ein steter Aushandlungsprozess, der nicht immer reibungslos vonstatten geht. Warum sind wir eigentlich nicht solidarischer miteinander? Ein spielerischer Erklärungsversuch zum Nachmachen.

von Stephan Parkan

Drei, zwei, eins – ab heute sind wir alle solidarisch! Die Rede ist vom 11. März. An jenem Mittwoch, dem Geburtstag von Nina Hagen und Matthias Schweighöfer, misst man in der Uckermark 11° Celsius und es weht ein Wind mit 64 km/h aus unterschiedlichen Richtungen. An diesem Tag ruft Bundeskanzlerin Merkel zur Solidarität auf. Sie sagt: „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander auf eine Probe gestellt.“ Wie es weiter geht, hat jeder von uns gut in Erinnerung.

Disko dicht, dafür Einlasskontrolle beim Lidl und Applaus von den Balkonen für Pflegekräfte, wie zum Beispiel in der Choriner Straße in Berlin-Mitte, die wenige Tage nach Merkels Appell von einem Anwohner in Choronerstraße umbenannt werden wird. Wir lernen mit der Krise umzugehen, weil wir solidarisch sind. Wir sind eine Mannschaft. Aber Moment einmal. Da draußen rennen doch Leute auf der Straße ’rum? Und ich sitz’ hier drinnen mit Smartphone und Laptop? Ist das gerecht?

Intro:

Solidarität und Gerechtigkeit

 

Gerechtigkeit ist die Voraussetzung für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit und gesellschaftliche Zugehörigkeit gleichsam möglich sind. In der Gesellschaft, in der wir leben, haben wir unserem vorsorgenden Sozialstaat die politisch-gesellschaftliche Gerechtigkeit sogar als Hauptziel auf die Fahnen geschrieben. „Wer Unrecht duldet, stärkt es“, sagte einmal Willy Brandt.  „Die Gerechtigkeit ist“ nach John Rawls „die erste Tugend sozialer Institutionen.“ Unglücklicherweise ist sie nicht selbstverständlich. Die Unterschiede im verfügbaren Einkommen und in der Einkommensverteilung waren der Kristallisationspunkt der Arbeiterbewegung. Die gemeinsame Erfahrung von Ausbeutung und Unterdrückung führten zur Solidarität als Antwort auf diese Ungerechtigkeit. Solidarität und Gerechtigkeit müssen innerhalb einer Gesellschaft immer wieder neu ausgehandelt werden. Das ist unsere uns selbst gegebene, historische und mich immer wieder mit Stolz erfüllende Aufgabe. Durch Bildung und Verhandlungsgeschick für Gerechtigkeit zu sorgen. Was passiert, wenn dieser Aushandlungsprozess fehlt, kann man eindrucksvoll mit dem Ultimatum-Spiel aufzeigen.

Methode:

Das Ultimatum-Spiel

Das etwas bedrohlich klingende Ultimatum-Spiel ist eine praktische Anwendung der Spieltheorie aus der Wirtschafts- und Verhaltensforschung.

 

Die Fragestellung des experimentellen Spiels ist: Verhalten wir uns als Menschen von Natur aus solidarisch mit anderen Menschen oder folgen wir nur der eigenen rationalen Nutzenmaximierung?

Was ihr dazu braucht: 

Teams zu je zwei Personen und einen Spielleiter.
Ihr könnt das ganze entweder als Experiment – zwei Personen spielen, der Rest schaut zu – oder als Gruppenarbeit durchführen  alle spielen in Zweier-Teams, bis zu drei  Spielleiter passen auf.
 

Dazu modelliert das Ultimatum-Spiel zwei Spieler, die nur schriftlich miteinander kommunizieren können und ansonsten keinerlei Kontakt zueinander haben. Sie können eben nicht miteinander verhandeln. Schauen wir mal, was dabei rauskommt. Nehmen wir an, Spieler A erhielte von Dritten einen fiktiven Geldbetrag. Um den Betrag behalten zu können, muss er Spieler B einen Teil dieses Betrags anbieten. Spieler B kann nun seinerseits über die vorgeschlagene Aufteilung entscheiden: Lehnt er den Vorschlag von A ab, gehen beide Spieler leer aus. So einfach ist das.

1. Runde:

Mögen

die Spiele

beginnen

In einer ersten Runde dieses Experiments muss Spieler A eine Aufteilung von 10 € dem Spielern B anbieten. Was würdest du bieten? Würdest du deinem Mitspieler 5 € für jeden vorgeschlagen, oder würdest du dir mehr zugestehen? Hättest du Angst, dass dich dein Gegenüber sanktioniert, falls du ihm nur 1 € oder 2 € abgibst, im vollen Bewusstsein dessen, dass er oder sie beim Ablehnen des Angebots selbst leer ausgehen?

1.

Reflexion:

Was wir daraus lernen können

Würden Spieler A und B rein rational und egoistisch handeln, dann müsste Spieler A theoretisch Spieler B das Minimum von 1 € anbieten und Spieler B das „mit Freude“ akzeptieren. Denn Spieler A kann sich darauf verlassen, dass Spieler B das unmoralische Angebot bewerten würde im Sinne von: Ein Euro oder kein Euro – dann doch lieber einen Euro. Die Sozialforschung hat allerdings gezeigt, dass in der Regel der Spieler A dem Spieler B deutlich höhere Summen als 1 € bietet – nämlich 3 € oder  €. Beträge darunter lehnt Spieler B als unfair ab. 

 

Das wird in der Sozialforschung als Beleg dafür gedeutet, dass Menschen nicht ausschließlich vom Motiv der Gewinnmaximierung geleitet sind. Wir Menschen haben offenbar eine Idee von Gerechtigkeit, die man in der Nähe von„Beide sollten das Gleiche bekommen“ ansiedeln kann. Das Experiment fördert darüber hinaus noch weitere spannende Erkenntnisse zu uns Menschen zu Tage, die die Glaubensgrundsätze unseres Wirtschaftssystems erklären. Wir stellen unter anderem fest, dass Spieler A, wenn er nur 1 € bietet, eher risikofreudig ist, da er einen größeren Gewinn, in Aussicht gestellt bekommt. Ihm ist die Chance auf 9 € das hohe Risiko der Ablehnung wert.

 

Weiterhin ist Spieler A im wirtschaftlichen Sinne eher risikoscheu, wenn er Mitspieler B einen Betrag größer als 5 € bietet, weil er so die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Spieler B das Angebot auch wirklich annimmt. Und fern der Risikoüberlegungen finden es die meisten Spieler vom Typ A auch irgendwie gerecht, wenn sie wie bei der häufig vorkommenden Aufteilung 7:3 oder 6:4 ein wenig mehr für sich einbehalten, da sie ja als Entscheider zuerst am Zug sind. Daraus leiten viele unbewusst eine Art Vorrecht am Betrag ab, das allerdings in den Regeln zum Spiel gar nicht angelegt ist. Bis hierhin bleibt das Spiel aber im Großen und Ganzen friedlich.

2. Runde:

Jetzt

wird es

unangenehm …

In der zweiten Runde dieses Experiments ist Spieler A angehalten, einen fiktiven Betrag von einer Million Euro zwischen ihm und dem Spieler B aufzuteilen. Alles andere bleibt gleich. Spieler A schlägt vor, Spieler B kann annehmen oder ablehnen. Nur zur Erinnerung: Bei Ablehnung gehen beide leer aus.

2.

Reflexion:

Was können wir daraus lernen  (und veranschaulichen und diskutieren)?

Jetzt sieht die Welt ein bisschen anders aus. Wie wird der höhere Betrag das Verhalten der Spieler verändern? Was bedeutet das für unseren Gerechtigkeitsbegriff? Wie solidarisch sind die Spieler jetzt noch miteinander? Teilen wir immer noch nahe fifty-fifty den Betrag auf, weil wir es als gerecht empfinden? Oder verändert sich der Gerechtigkeitsbegriff?

 

Wie bereit sind wir in der Rolle von Spieler B, unsere Vorstellungen einer solidarischen Gesellschaft durchzudrücken, indem wir das mögliche unsolidarische Angebot von Spieler A ablehnen, in der Konsequenz dann aber selbst leer ausgehen?

 

Werden wir als Spieler A um so risikofreudiger, je mehr Geld im Spiel ist, weil wir denken, Spieler B werde ja wohl kaum 100.000 € ablehnen, nur weil er sauer ist, dass Spieler A 900.000 € für sich reklamiert? Werden wir mit steigenden Beträgen sozial berechnender? Lassen wir solidarische Werte fallen, weil höhere Gewinne in Aussicht gestellt werden? Korrumpiert uns Geld? Oder lassen wir Spieler A aus Überzeugung uneigennützig im Regen stehen, wenn wir das Angebot als zu ungerecht empfinden?

Fazit:

Ein Spiel, dass es in sich hat und

nachhaltig in Erinnerung bleibt!

Die meistens Menschen sind mit den Ergebnissen aus Runde zwei eher unglücklich. Das liegt daran, dass wir die Mär vom rational handelnden Menschen im Vorfeld des Ultimatum-Spiels als Schwachsinn abtun. Emotionen, Werte, Zweck, Nutzen – das menschliche Zusammensein hat so viele Dimensionen. Es kann nicht sein, dass einen Spieler A in einem rational abwägenden Gedankenprozess die Gewinnmaximierung leitet, getreu dem Motto: Wieviel muss ich Spieler B geben, damit er gerade noch so zähneknirschend annimmt?

 

Und doch passiert genau das, wenn Solidarität, das Gemeinsame, das Zusammen fehlen. Deshalb gibt es die IG Metall, deshalb verhandeln wir miteinander Gerechtigkeit.

F

Ich wünsche viel Spaß – und eine fruchtbare Auseinandersetzung.

Stephan Parkan

Über den Autor:

Stephan Parkan ist politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall im Funktionsbereich Gewerkschaftliche Bildungsarbeit.

Schreib uns doch gern was du von dieser Methode hältst: redaktion@inside-igmetall.de