AUSBLICK

„Wir haben alle geöffnet. Und zwar online.“

© Frank Rumpenhorst

Wenn Ihr nicht auf die eine oder andere Art ohnehin an der Erarbeitung unserer Tarifforderungen beteiligt wart, dann habt Ihr es zumindest mittelbar erfahren: Der Vorstand der IG Metall hat Ende November unsere Forderungspakete für die Metall- und Elektroindustrie, für die Textil- und Bekleidungsindustrie sowie für Volkswagen offiziell auf den Tisch gelegt. Und das unter besonderen Bedingungen. In guter gewerkschaftlicher Tradition tragen wir die Herausforderungen und Zumutungen solidarisch mit, die sich aus den Versuchen ergeben, die Pandemie wirksam zu bekämpfen. Handzahm macht uns das jedoch nicht, im Gegenteil. Gerade in einer Situation, in der zahlreiche Arbeitgeber*innen davon träumen, lang gehegte Pläne umzusetzen, zeigen wir uns wehrhaft. Die vielerorts angekündigte Reduzierung von Arbeitsplätzen und Standorten nehmen wir weder unwidersprochen hin, noch begnügen wir uns mit dem Widerspruch alleine. Die vielfältigen Aktionen an den Standorten unterschiedlicher Betriebe haben das eindrucksvoll unterstrichen – und das unter Pandemiebedingungen.
 

Zugleich müssen wir damit rechnen, dass wir in der Bildungsarbeit bis auf weiteres nicht ausschließlich auf Präsenzveranstaltungen setzen werden (können). Es ist sicher keine unzulässige Verallgemeinerung zu behaupten, dass alle Beteiligten den Ausfall oder die Reduzierung von Präsenzveranstaltungen bedauern. Und zugleich gibt es andere Erfahrungen. Manche Referent*innen wie auch unsere Teilnehmer*innen haben in der Praxis der letzten Monate auch die Vorteile von Onlineveranstaltungen schätzen gelernt:
 

  • Wir können zu unterschiedlichen – bisweilen auch sehr kleinteiligen – Themen sehr passgenaue Veranstaltungen anbieten. 

  • Es klinken sich Kolleg*innen in unsere Zoom-Veranstaltungen ein, die sonst wegen langer Anreisezeiten oder anderer Verpflichtungen an Präsenzseminaren nicht oder nur teilweise teilnehmen könnten. 

  • Umgekehrt können wir positiv auf Veranstaltungswünsche räumlich weit entfernter Gliederungen reagieren und die Zusammenarbeit von betrieblichen wie regionalen Gremien unterstützen bzw. organisieren. 

  • Zudem ermöglicht die Ortsunabhängigkeit von Onlineseminaren, mit Kolleg*innen zusammenzuarbeiten, die wir beispielsweise wegen ihrer spezifischen Kenntnisse und Kompetenzen hinzuziehen bzw. -schalten. 

  • Und schließlich haben wir die Möglichkeit, sehr schnell auf veränderte Situationen zu reagieren und die jeweils neuesten Entwicklungen in unsere Bildungsarbeit zu integrieren.

     

 " Der Seminarbetrieb läuft weiter " 


Berücksichtigt man diese Erfahrungen, dann kann man der Lagebeschreibung des Leiters von Sprockhövel, Richard Rohnert, zu den IG Metall-Bildungszentren kaum widersprechen. Er fasste die Situation in einem Webtalk zum Thema „Die Tarifrunde unter Coronabedingungen erfolgreich gestalten“ in einem Satz zusammen: „Wir haben alle geöffnet - und zwar online.“ Der digitale Seminarbetrieb läuft überall durch und wird ergänzt, je nachdem, welches Maß an Präsenzbetrieb derzeit möglich beziehungsweise verantwortbar ist. Mit dieser differenzierten Praxis machen wir uns von dem Auf und Ab der Verschärfungen und Lockerungen der jeweiligen Coronapolitiken - soweit es geht - unabhängig.

 

Die jetzige Tarifrunde wird von allen Bildungszentren der IG Metall mit Online-Formaten, zentralen und regionalen Angeboten unterstützt. Das hebt auch der besagte Webtalk hervor, in dem Ina Morgenroth (Geschäftsführerin in Hamburg), Stefan Schaumburg (Leiter des FB Tarifpolitik beim Vorstand) und Roman Zitzelsberger (Bezirksleiter Baden-Württemberg) am 26.11. unter der Moderation von Richard Rohnert diskutierten. Dabei kamen sie unter anderem zu dem Schluss, dass die seit Sommer gemachten Erfahrungen mit Bildungsveranstaltungen ermutigend sind, selbst wenn sie unter Auflagen stattfanden. Bildungsarbeit kann dort unterstützen, wo es darum geht, einen Austausch zu organisieren, aber auch in der Mobilisierung, die fraglos zu den Querschnittsaufgaben der Bildungsarbeit zählt. Wenn man überlegt, was das konkret für uns heißen kann, lohnt ein Blick in die Forderungen, hier am Beispiel der Metall- und Elektroindustrie:
 

  • Verbesserung der Tarifregelungen zur Beschäftigungssicherung durch Modelle der Arbeitszeitabsenkung mit Teilentgeltausgleich.

  • Tariflicher Rahmen für betriebliche Zukunftstarifverträge, damit in den einzelnen Betrieben Regelungen zur Sicherung von Standort und Arbeitsplätzen festgelegt werden können.

  • Ein Volumen von 4 Prozent zur Stärkung der Einkommen bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Dieses Volumen steht auch für Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung, wie etwa einen Teilentgeltausgleich bei Arbeitszeitabsenkungen, zur Verfügung.
     

Ina macht das an einem konkreten Beispiel fest: „Was heißt das zum Beispiel für die Arbeitszeitgestaltung, mit Optionen einer Vier-Tage-Woche?“ Was bedeutet die Forderung nach vier Prozent unter den aktuellen Bedingungen für die jeweils eigene Lebensführung? Was resultiert aus Standort- und Arbeitsplatzbedrohungen für die einzelnen Teilnehmer*innen und deren Kolleg*innen? Wie können wir den Drohungen und Plänen der Arbeitgeber*innen solidarisch begegnen? Diese und viele weitere Fragen ergeben sich als größere und kleinere Themen und Themenblöcke für unsere Bildungsarbeit. Wir haben die Chance, unsere Forderungen in ihrer ganz konkreten Bedeutung für die jeweils sehr unterschiedlichen Arbeits- und Lebenswirklichkeiten unserer Teilnehmer*innen zu reflektieren und damit im Bewusstsein unserer Mitglieder zu verankern. Das gilt keineswegs nur für Tarif-oder Entgeltseminare. Wieviel Potenzial in unseren Veranstaltungen steckt, das wisst Ihr als Expert*innen für die Vielzahl unserer Themen im Einzelnen am besten selbst. Unabhängig davon, ob Ihr Vertrauensleute- oder BR-Module, JAV- oder Teilhabeseminare teamt oder auch im gesellschaftspolitischen Bereich arbeitet. Unser Handlungsspektrum als Bildungsreferent*innen reicht von der Integration jeweils relevanter Aspekte in Präsenzseminare bis hin zur Entwicklung von kleinteiligen Online-Formaten.


 "Abstand, Maske, Arbeitskampf " 


 

Bei der Entwicklung des Formats „Abstand, Maske, Arbeitskampf“ in Baden-Württemberg, so berichtete Roman Zitzelsberger im Webtalk, stand folgende Überlegung Pate: „Wer hat denn von unseren Hauptamtlichen alles echte Arbeitskampferfahrung, also nicht Warnstreik, sondern bis zum Arbeitskampf, weil das natürlich auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat.“ Auch und gerade diese Erfahrungen können wir in der Bildungsarbeit nutzbar machen. Wenn wir „die theoretischen Workshop-Ergebnisse und die praktischen Erfahrungen“ aus zahlreichen IG Metall-Aktionen bündeln, dann tragen wir dazu bei, „gut trainiert mit vielen Spielzügen in die Tarifrunde reinzugehen.“
 

Unter den gegebenen Bedingungen sind es aber auch buchstäblich die physischen Räume, „die wir brauchen, um Tarifrunden zu planen, um Austausch zu pflegen“. Darauf wies Stefan Schaumburg hin, und  die Fragen der Beschäftigten nach Hygienekonzepten nehmen wir ernst. Wir haben sehr gute, bewährte Konzepte, und sofern es uns die aktuelle Situation ermöglicht, kommen diese auch zur Anwendung. „Es wird eine etwas andere Tarifbewegung, aber es wird eine Tarifbewegung sein. Die guten Ideen dazu müssen wir an den dann hoffentlich allen offenen Bildungsstätten gemeinsam diskutieren“, formulierte Stefan zuversichtlich.
 

 


Weiterführende Links

>> Informationen, die den fallweise recht kurzfristig getroffen Entscheidungen Rechnung tragen, findet Ihr hier.

>> Den Webtalk „Die Tarifrunde unter Coronabedingungen erfolgreich gestalten“ findet Ihr hier.