igmetall-betriebsrat-seminar.JPG

 INSIDE#5 

Inspiration

Solidarität ist aktuell in den Medien ein zentraler Begriff. Daneben tauchen allerdings eine Vielzahl teils komplizierter Begriffe auf.

 

Gerade die Überführung von oft wissenschaftlichen Termini in den Alltagsgebrauch dient der intellektuellen Bewältigung und intersubjektiven Verständigung – kurz: der Rationalisierung des betreffenden Phänomens.

 

Wir haben für euch die hilfreichsten, fruchtbarsten und düstersten Begriffe zusammengestellt. Begriffe, über die wir bei den Recherchen häufig gestolpert sind und die in dieser Ausgabe der Inside eine Rolle spielen. Vielleicht hilft euch diese Zusammenstellung auch. 

Diese Ausgabe der Inside erscheint mitten in der Corona Krise. Krisen bringen neue Begriffe hervor - und “alte” wieder auf die Agenda.

Der Begriff „Solidarität“ kommt von „solidus“ für „ganz“, „vollständig“ oder „völlig“. Sein Ursprung liegt im römischen Schuldrecht: Nach der „obligatio in solidum“ muss in einer Gemeinschaft jedes Mitglied für die Gesamtheit der bestehenden Schulden aufkommen, so wie umgekehrt die Gemeinschaft für die gesamten Schulden jedes Einzelnen haftet. In der Moderne wird Solidarität zu einem ethischen Prinzip der Mitmenschlichkeit, das auf Freiwilligkeit beruht. Speziell für die Arbeiterschaft wird sie zum Fundament des Kampfes gegen die existentiell bedrohlichen Entwicklungen der kapitalistischen Industrialisierung. Der Soziologe Alfred Vierkandt definiert Solidarität als „Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit und als „Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll.“ Der Soziologe Emile Durkheim beschreibt Solidarität als Zement, der die Gesellschaft zusammenhält. Richard von Weizsäcker urteilt: „Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.“ Und Gioconda äußert: „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Solidarität

„Eurobonds“ sind eine bestimmte Art der Staatsanleihe. Die EU-Staaten nehmen gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt auf, teilen die aufgenommenen Mittel unter sich auf und haften gesamtschuldnerisch für die Rückzahlung und Zinsen. Sie wurden bislang kontrovers diskutiert, aber noch nicht realisiert. Gegenwärtig gibt es weder eine einheitliche Meinung, wie EU-Anleihen praktisch ausgestaltet sein sollten, noch eine Beschlusslage, wonach solche zukünftig überhaupt eingeführt werden. Die Idee für gemeinsame Anleihen wurde erstmals in der Eurokrise laut, da einige überschuldete Euro-Staaten mit geringer Bonität erschwerten Zugang zum Kapitalmarkt hatten. Als Vorteil von EU-Anleihen wird gesehen, dass durch die Risikoteilung insgesamt niedrigere Zinsen fällig würden, als dies der Fall wäre, wenn die Länder einzeln Kredite aufnehmen. Gegner befürchten jedoch, dass Eurobonds überschuldete Länder von einer Haushaltskonsolidierung abhalten könnte.

Eurobonds

Raumschiff Erde

Angesichts der begrenzten Ressourcen des Planeten Erde und der dadurch entstehenden weltweiten Probleme die Menschheit wird die Erde seit den 1960ern häufig metaphorisch mit einem Raumschiff gleichgesetzt. So schreibt beispielsweise 1966 der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth E. Boulding in seinem Essay The Economics of the Coming Spaceship Earth: „Die geschlossene Ökonomie der Zukunft könnte man […] die Raumfahrer-Ökonomie nennen. Die Erde ist zu einem einzigen Raumschiff geworden, auf dem alle Vorratslager, die man anzapfen oder verschmutzen könnte, begrenzt sind, so dass der Mensch seinen Platz in einem zyklischen ökologischen System finden muss, dem ständige Reproduktion in materieller Form möglich ist, wozu es allerdings Energieinput braucht.“ Im Interview mit Daniel Wahl sprechen wir genau darüber – und über die Idee einer regenerativen Wirtschaft.

Zoonosen

„Zoonosen“ (von altgriechisch „zōon“ für „Tier“ und „nósos“ für „Krankheit“) sind Krankheiten, die von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragen werden können. Mittlerweile hat die Wissenschaft herausgefunden, dass geschwächte Ökosysteme mit verminderter Artenvielfalt und schrumpfenden Habitaten diesen Austausch begünstigen. Gebietsschutz, Naturreservate und andere Schutzgebiets-Formen dienen als natürliche „Schutz-Barrieren“ zwischen Menschen und Tieren, um das Übertragungsrisiko von Krankheitserregern so klein wie möglich zu halten. Bundesumweltministerin Svenja Schulze kommentiert: „Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Corona-Krise und umgekehrt gilt: Gute Naturschutzpolitik, die vielfältige Ökosysteme schützt, ist eine wichtige Gesundheitsvorsorge gegen die Entstehung neuer Krankheiten.“

Allmende

Als landwirtschaftlicher Begriff bezeichnet Allmende Gemeinschafts- oder Genossenschaftsbesitz. In einem darüber hinausgehenden Sinn wird es neuerdings als Beschreibung für das Verhältnis der menschlichen Spezies zur Mutter genutzt: Die Allmende ist ein Gemeingut, das niemandem und allen zugleich gehört. Und dessen Ressourcen von uns ausgebeutet werden, aber begrenzt sind. Weideland, das sich mehrere Hirten teilen, ist eine Allmende. Ein Fischfanggebiet ist eine Allmende. Immer stehen kurzfristiges und eigennütziges sowie nachhaltiges, gemeinnütziges Denken im Widerstreit. „Die Freiheit der Allmende bringt allen Verderben“, schrieb der Biologe Garrett Hardin 1968 in seinem Essay Die Tragödie der Allmende. Wer allerdings genau hinschaut, findet auf der ganzen Welt Beispiele dafür, dass der Mensch die Allmende durchaus pflegen und erhalten kann. Ein entferntes Beispiel dafür liefert der Bericht aus dem Wohnprojekt in Emden.

Es handelt sich um jenen aufmerksamen, unvoreingenommenen und nicht-identifizierenden Objektbezug, den wir gerade in krisenhaften oder stressigen Situationen leider oft ablegen, um stattdessen in einen achtlosen oder sogar destruktiven Modus zu schalten („Blind vor Wut sein“). Achtsam sein heißt, die Aufmerksamkeit gezielt auf die Gegenwart zu lenken, auf den aktuellen Moment, auf die gegenwärtige Erfahrung. Im Humanismus bezeichnet Achtsamkeit eine grundlegende Fähigkeit des menschlichen Geistes. Er bezeichnet sie als eine Grundhaltung gegenüber anderen Menschen und meiner (natürlichen) Umgebung. Achtsamkeit ist auch in der buddhistischen Lehre und Meditationspraxis zu finden. In unserem Interview zum Thema weißt Marion King darauf hin, dass Achtsamkeit eine notwendige Voraussetzung für wirklich solidarisches Handeln ist.

Achtsamkeit

Triage

„Triage“ von französisch „sortieren“, „aussuchen“ oder auch „auslesen“ bezeichnet ein gesetzlich nicht genau geregeltes Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistung bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und unzureichenden Ressourcen. Wer wird zuerst behandelt und wer später? Wer hat größere Überlebenschancen? Diese Fragestellungen entscheiden über Leben und Tod. Während der Covid-19-Pandemie tauchte im Zusammenhang mit der Überschreitung der Kapazitäten in Krankenhäusern und dem Mangel an Beatmungsgeräten der Begriff Triage zuerst in Italien und später in weiteren Ländern in den Medien auf. Diese Praxis gehört auch ohne Corona-Krise zum Alltag von Unfallärzten, die angesichts von begrenzten Operationssälen und Intensivbetten oft schwierige Entscheidungen treffen müssen.